Hochbegabung und Psychotherapie


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Ist Psychotherapie mit Hochbegabten anders als Psychotherapie mit Normalbegabten?


Zuerst einmal zu den Gemeinsamkeiten: Hochbegabte sind in ihrem Gefühlsleben ebenso Menschen wie alle anderen auch, und sie möchten genauso sie selbst sein dürfen, sich mit möglichst vielen ihrer Facetten ausdrücken dürfen und ihrem Platz im Leben finden. Sie haben genauso ein Bedürfnis nach Nähe, Respektiert werden, Anerkennung, Liebe und Resonanz wie alle anderen Menschen auch. Wenn solche Grundbedürfnisse zu lange zu schlecht befriedigt werden, oder wenn seelische Verletzungen geschehen, leidet jeder Mensch irgendwann. Da sind mir bisher keine Unterschiede zu Normalbegabten begegnet.


Es gibt aber einen Unterschied schon bei der Suche nach Psychotherapie: hochbegabte Menschen können oft sehr lange kompensieren, bevor sie sich zu einer Psychotherapie entscheiden. Wer ein hohes inneres Potential hat, der findet, in diesem Fall leider, auch immer wieder neue Lösungen. Das bedeutet, diese Menschen können schwierige Situationen oft sehr lange aushalten, und bemühen sich oft ungewöhnlich kreativ und ideenreich, um weitere Lösungen zu finden, die ihre Situation verbessern. Sie kommen dadurch oft erst dann in Behandlung, wenn die Ressourcen schon sehr ausgeschöpft sind. Entsprechend dramatisch kann die Lage sein: der/die Klient*in ist sehr ausgepowert, und es „brennt“: die Partnerschaft wurde beendet, der Job gekündigt, eine Sucht hat sich manifestiert, Kontakte haben gelitten oder wurden abgebrochen - das sind alles oft schon sehr belastende Situationen, die dann auch entsprechende Zeit benötigen, um sich zu bessern.


Bei der Behandlung erlebe ich Unterschiede z.B. in der Umsetzungsfähigkeit: viele hochbegabte Menschen können ihre Therapieerfahrungen erstaunlich schnell umsetzen, finden schnell Analogien, oder gute Ansatzpunkte in ihrem Alltag. Das Tempo in der Transferleitung überrascht mich oft. Manchmal bin ich skeptisch, ob etwas auch wirklich aufgenommen und verarbeitet wurde, aber an den folgenden Veränderungen, der Entlastung, steigender Energie oder plötzlicher Klarheit mit sich selbst und anderen erkenne ich dann die Entwicklung. Dabei begegnet mir manchmal eine spezielle Form der Neugier- wissen zu wollen, wie man selbst „tickt“, und was passiert, wenn man dieses oder jenes anders macht- manchmal erinnert das an einen fast kindlichen Forschergeist, der ja gern als ein Merkmal von Hochbegabung erwähnt wird. Mir ist auch aufgefallen, dass viele hochbegabte Menschen in einem ungewöhnlich guten Kontakt zu sich selbst stehen - was nicht nur für die Therapie, sondern auch für das Leben allgemein eine wichtige und schöne Ressource ist. In der Therapie kann man damit sehr gut arbeiten.


Gibt es inhaltliche Unterschiede, z.B. in den Therapiethemen?


Erstaunlich viele Klient*innen kennen es nicht, dass das Thema „Hochbegabung“ in der Therapie überhaupt einen Platz hat. Dass sie also ungeniert und ohne Angst vor Zurückweisung darüber sprechen können, wie sie/er die eigene Hochbegabung erleben, welche Erfahrungen damit gemacht wurden, welches Selbstverständnis als hochbegabter Mensch sie haben. In vielen Therapien ist es wichtig zu schauen, dass die Hochbegabung einen guten Platz im Selbstbild und im Leben der Klient*innen findet. Und es ist dann eigentlich keine große Überraschung mehr, dass dies eine Auswirkung auf die anderen Probleme hat, mit denen jemand in die Therapie gekommen ist. Eine unzureichend gehandhabte Hochbegabung kann eine große Belastung sein - eine gut integrierte Hochbgegabung ist dagegen eine schöne Ressource.


Gibt es Störungsbilder, bei denen sich Normalbegabte und Hochbegabte unterscheiden?


Das Thema „Narzissmus“ finde ich hier sehr spannend. Unter anderem erleben sich Betroffene als etwas Besonderes, Außergewöhnliches, und da gibt es durchaus Überschneidungen zum Thema Hochbegabung: rein statistisch gesehen hat man es ja mit einer seltenen, „besonderen“ Gruppe zu tun. Eine vorhandene Hochbegabung erschwert es Personen mit narzisstischer Problematik, ein zutreffendes Selbstbild von sich zu entwickeln. In diesen Fällen ist es wichtig, das Thema Hochbegabung in seiner Bedeutung für das Gesamtbild zutreffend einordnen zu können. Und umgekehrt gilt: wenn jemand seine Hochbegabung zum Thema macht, muss das nicht automatisch mit Narzissmuss in Verbindung gebracht werden, siehe weiter unten.

Menschen, die früh in ihrem Leben emotionale Mangelsituationen oder seelische Verletzungen erfahren haben, sind oft, bildlich gesprochen, mit wenig oder nur teilweise funktionierendem „Werkzeug“ für ihr Leben ausgestattet. Damit haben sie es schwerer als andere, Situationen emotional zu verstehen und flexibel zu handhaben, und müssen sich gleichzeitig mehr als andere anstrengen, um sich mitzuteilen und zurecht zu kommen. Wer dann einen gut funktionierenden Verstand hat, setzt den natürlich ein! So kann es kommen, dass Patienten mit z.B. solchen frühen Störungen besonders frustriert sind und sehr darunter leiden, trotz hoher analytischer Fähigkeiten und immenser Anstrengungen nicht erreichen zu können, was sie sich wünschen. Oft nehmen sie deswegen ihre Umwelt als ablehnend, feindlich oder desinteressiert wahr und haben es dann besonders schwer zu verstehen, welche Eigenanteile sie selbst in diese Situation mit einbringen.

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Braucht es spezielle Therapeut*innen für Hochbegabte?


Viele hochbegabte Patient*innen haben schon mehrere Therapien bzw. Therapeut*innen kennen gelernt und kommen deswegen zu mir, weil sie sich ausdrücklich ein Gegenüber „auf Augenhöhe“ wünschen. Man merkt sehr schnell, dass die Kommunikation dann anders ist: dass es leichter „fließt“, dass Klient*innen keine Rücksicht nehmen oder sich zusätzlich zur Thematik auch noch um das Gelingen der Kommunikation kümmern müssen.

Gar nicht so selten höre ich auch, dass hochbegabte Patient*innen im Verlauf einer Therapie das Gefühl hatten, den Therapeut*innen zu beraten, einfach weil sie Gefühlslagen und Zusammenhänge sehr schnell erkennen konnten. Oder aber auch, dass sie die Absichten des Therapeut*innen sehr früh erkannt haben und diese dann entweder torpediert oder vorauseilend erfüllt hatten. Beides ist in einer Psychotherapie weder erwünscht noch hilfreich.


Weitere Störfaktoren können Ängste von Therapeut*innen sein, ihren hochbegabten Klient*innen nicht zu genügen, oder sogar Rivalitäten darum wer der pfiffigere Mensch ist. Genauso störend ist es, wenn der Satz „ich bin hochbegabt“ dazu führt, in der Narzisstenschublade zu landen, oder auf andere Weise nicht ernst genommen zu werden.

Solche Passungsprobleme kennen Hochbegabte oft schon zur Genüge aus ihrem Alltag. In einer Therapie „von gleich zu gleich“ können diese Situationen kaum entstehen. Viele Denk- und Erlebensweisen sind mir vertraut, ich kann sie gut nachvollziehen und ansprechen. Für Klient*innen ist es entlastend, sich gerade bei persönlichen Themen ganz dem eigenen Erleben widmen zu können, und nicht gleichzeitig auch noch an das Gegenüber anpassen zu müssen. Oft führt allein schon diese Entlastung zu großer emotionaler Berührtheit: sein zu dürfen wie man ist, und damit verstanden und angenommen zu werden- das tut gut.

Bei Psychotherapie spielt die Passung zwischen Klient*in und Therapeut*in eine große Rolle. Das bedeutet: wenn die Chemie zwischen Therapeut*in und Klient*in stimmt, ist das eine gute Voraussetzung für eine gelingende Psychotherapie. Dafür muss der/die Therapeut*in nicht unbedingt selbst hochbegabt sein, aber es kann die Therapie erleichtern.



Gastautorin: Marie-Luise Krohm

"Seit 2009 biete ich Coaching für Hochbegabte an, dabei habe ich mich auf die Gruppe der Späterkannten spezialisiert. Im Verlauf meiner Coachings fiel mir auf, dass Fragestellungen, die an mich herangetragen wurden, oft den beratenden Rahmen überschritten haben. Mir wurde deutlich, dass neben den Problemen, die sich z.B. durch spezifische Info, Training und „Blick von außen“ verändern lassen, auch wirkliches seelisches Leid zu Tage trat, das die Betroffenen spürbar in ihrem Alltag und ihren Beziehungen zu anderen Menschen beeinträchtigte. Dafür reichte der Werkzeugkoffer eines Coaches nicht mehr aus, um zu helfen, und ich habe begonnen mich für das Thema Psychotherapie mit Hochbegabten zu interessieren. Als ich 2013 meine Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Tiefenpsychologie begonnen habe, gab es noch wenig Material und Öffentlichkeit zu diesem Thema; inzwischen sieht das erfreulicherweise anders aus."